Bulletin Nr. 11  –  Singapur  – Genua     Kurzbericht
Die Reise neigt sich dem Ende entgegen. Ich bin bereits im Hafen von Fos sur Mer, dem Containerterminal von Marseille. Entstanden auf der grünen Wiese zwischen 1990 und 2000. Die nächste Station ist zugleich die letzte: Genua.

Der letzte Bericht endete in Singapur und von dort gab es eine lange Schiffsreise vom 1.2. bis heute 26.2.18 auf der CENTAURUS, einem 380m langem und 45m breiten Containerschiff, das 10.400  Stück 20-Fuß Container befördert. Also das 2,5-fache von meinem ersten Containerschiff . 39.000.000 weltweit vorhandene Container wollen befördert werden und die neuen Schiffe befördern inzwischen 20.000 davon. Allerdings können sie weltweit nur die ganz großen Häfen anlaufen.
Die Weiterverteilung erfolgt dann mit den kleineren Schiffen mit zwei- bis fünftausend Containern.

Die Reise führte durch die Meerenge bei Malaysia über den indischen Ozean  an Sri Lanka vorbei ins Arabische Meer und von dort in den Golf von Aden.  Immer noch ein Hoch-Risiko-Gebiet für Schiffe, da Piraten versuchen Sicherheitslücken zu nutzen. Das waren dann zwei Tage zweit-höchste Sicherheitsstufe auf dem Schiff, d.h. Verbot von Schiffswanderungen, alle Außentüren verschlossen und verriegelt und das Betreten von Außenterrassen nur mit Genehmigung der Brücke. Die Ferngläser auf der Brücke wurden an diesen beiden Tagen nicht kalt.  – Das Schiff hatte alle 50m eine  Hochdruck-Feuerwehrspritze an der Reling montiert,  die von der Brücke zentral gesteuert werden. An kritischen Stellen waren überstehende Plastikkeile montiert, über die ein Hochklettern nicht möglich ist.

Bei einem Angriff  haben die  Piraten bei solch hohen Schiffen kaum Möglichkeiten. Der Wasserstrahl bewirkt nicht nur eine Ganzkörperreinigung am Seil  sondern auch ein anschließendes Bad im Meer mit ziemlich hohem Risiko, bei einem Würdenträger der jeweiligen Religion ein paar Stufen höher zu landen. Aber gewaschen, immerhin.  Gefährdet sind Tanker und flache Schiffe.
Wir wurden jedenfalls nicht gekapert und schifften bei Dschibuti  unbehelligt ins Rote Meer und von dort in den Sueskanal.  Also nicht wir, das Schiff.

Zwischendurch gab es an einem 25° lauen Abend im Roten Meer ein Kapitäns Barbecue, das sich sehen lassen konnte. Fleisch und Fisch in rauen Mengen, Wein und Bier genauso. Von 18 bis 23 Uhr war Hally Gally. Gefehlt haben die Mädels mit den Eistorten und den sprühenden Kerzen. Einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Containerschiff und Kreuzfahrt. Der zweite noch größere Unterschied, weder Kapitän noch Offiziere noch Crew hatte schöne Seemannskleidung angezogen. Also keine Chance, Anzug und Krawatte zu tragen und den kleinen Finger beim Trinken abstehen zu lassen.

Wegen eines festgefahrenen Schiffes war der Sueskanal für 7 Stunden gesperrt,  d.h. da sammeln sich dann die Container- und sonstigen Schiffe und warten am Anker, bis die Freigabe erfolgt. Zeit zum Fotografieren, aber vor allem um zu wandern und die Außenterrassen  zum Sonnen und Lesen zu nutzen.  Nach dem Sueskanal war das Mittelmeer mit weniger erfreulichen Temperaturen und Regenschauern angekündigt. – Jedenfalls ging es statt um 6 Uhr erst um 14 Uhr in den Kanal und zwar mit 10 Knoten, d.h. ca. 18kmh.  5 Stunden Tagesfahrt durch Wüstenlandschaft  mit einer intensiven Bebauung auf der ägyptischen Seite und ziemlicher Einöde auf dem Sinai. –  Ab 19 Uhr war es zabenduster und außer dem Lichtermeer einiger Städte war nicht mehr viel zu sehen. Schade, aber nicht zu ändern.  Die Verzögerung sollte sich auf dem Rest der Reise in Form von Terminverschiebungen bemerkbar machen, da alle gebuchten Kaizeiten nicht mehr eingehalten werden konnten, was automatisch zu Wartezeiten vor oder in den Häfen führte.

In Singapur auf dem Schiff habe ich erfahren, dass  nach dem Sueskanal noch eine Mittelmeer-Kreuzfahrt  ansteht, was ich wohl übersehen hatte.

Malta, Valencia, Barcelona, Marseille als Stationen mit jeweils einem oder zwei Tagen Standzeit. In Malta war gerade der Karneval, aber wie. Da sind die Straßen voll, Umzüge, Tanzen, südliche Ausgelassenheit und natürlich ganz  La Valletta voller Menschen.  Am zweiten Tag war es ruhiger und man konnte die Stadt genießen, wobei die ganzen Gassen und  historischen Gebäude auch in anderen alten Städten am Mittelmeer zu sehen sind. Vom Hocker hat mich Malta nicht gerissen, was allerdings mit  vielen alten und mir bekannten Städten zusammenhängt. – Schön, interessant, gemütlich – eine mediterrane Stadt eben, die aufgrund ihrer Geschichte noch den arabischen Einfluss einiger Jahrhunderter arabischer Herrschaft spüren lässt.  1,7 Mio. Touristen landen hier jährlich, 650.000 davon mit Kreuzfahrschiffen, bei denen die Deutschen mit 130000 die Mehrheit stellen.  Die hier lebenden 10.000 Bootsflüchtlinge fallen durch ihre Hautfarbe auf. Fast alle kommen aus Somalia, gestrandet auf einer Insel ohne legale Möglichkeit, von hier wegzukommen. Wirtschaftlich verkraftet Malta die Flüchtlinge problemlos. Der Staat gilt als Steueroase, der Großfirmen mit Steuersätzen anlockt, von denen ein deutscher Handwerker nur träumen kann. Geschickte Regelungen ermöglichen es, die zunächst hohen Steuersätze am Ende effektiv auf 5% bis 0% zu drücken. Der Vorteil für Malta liegt in der Schaffung von Arbeitsplätzen und den sich daraus ergebenden steuerlichen Vorteile bei Einkommens- und Verbrauchssteuern.

Ein mir bisher unbekanntes Geschichtsdetail: Auch wenn man es kaum glauben kann, spielte Malta im zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle im Kampf in Afrika zwischen England und  Deutschland. Malta war Versorgungsstation für England und war deshalb Ziel von Bombenangriffen  der Italiener unter Mussolini.

Valencia mit seinem südlichen Charme und  einem 19° Sonnentag war für mich angenehmer. Auch hier gibt es eine herrliche Altstadt, aber diese Stadt strahlt mehr Offenheit aus und nicht die enge Festungsatmosphäre von Malta.  Gut gegessen,  den großen Markt besucht und Kaffee besorgt. Beim zweiten Ausgang klingelte allerdings das Mobil  mit der Info, dass ich wegen einer Fahrplanänderung 3 Stunden früher an Bord sein müsste. – Die Regel, immer die  Mobil-Nr. zu hinterlassen, hatte mir eine Fahrt mit dem Zug von Valencia nach Barcelona erspart und vor allem eine komische Situation, wenn ich in den Hafen gekommen wäre und  das Schiff wäre womöglich noch in Sichtweite.

Barcelona wartete mit Sonnenschein und kühlen 9 Grad. Da schmeckt  der Café solo vor dem Café Zürich nur an der Hauswand.  Trotzdem ist es immer wieder sehr angenehm in dieser weltoffenen Stadt mit den im krassen Gegensatz dazu hier lebenden engstirnigen Katalanen ein paar Straßenzüge zu durchwandern, um am Ende im Hafen mit seinen weitläufigen Anlagen anzukommen.  Wenn dann noch das Essen und der Wein in einem Lokal in Barcelonetta schmeckt, kommt der Tag als weiteres Plus zu den vielen Plustagen der Reise hinzu.

Heute schreibe ich aus Fos sur Mer, einem kleinen Dorf an einem Hügel, wie sie überall dort  zu finden sind, wo Alt-Italien, auch Rom genannt, in seiner großen Zeit seine Burgen aufgeschlagen hat. Nicht besonderes, aber als Urlaubsort wohl sehr beliebt, wenn man den Boots- und Jachthafen , die dort ansässige aber zur Zeit geschlossenen Verköstigungslokale und die Parkplätze sieht.  Immerhin, einen schlechten Kaffee habe ich direkt am Strand bekommen, so schlecht, dass ich ihn stehen lassen musste.  Heißes Wasser mit drei Kaffeebohnen  und Sahnesteif geben halt keinen Cappuccino, auch wenn das Lokal sich als italienisches Feinschmeckerrestaurant ausgibt. Unter 10 Bohnen bleibt es trübes Wasser, ab 20 wird´s Kaffee.

Heute oder morgen soll es weitergehen, wenn nicht ein heraufziehender Sturm auf dem Mittemeer für eine Verzögerung sorgt. Die Rückkehr nach 57000 km zur Mattenmühle ist auf jeden Fall diese Woche geplant, eine Festlegung gibt es aber nicht. Noch sind auf den letzten km 850km zwischen Genua und Oberachern einige Zugwechsel erforderlich und bei Bahnverzögerungen kennt jeder das Problem mit den Anschlusszügen.

Das war´s dann mit der Reise von Oberachern-Hanfwerke nach Oberachern-Hanfwerke. Nach 132 Tagen endet die Bahn-Schiffs-Auto-Traum-Reise in der Mattenmühle. Viel gesehen, viel erlebt, viel gefahren und viel Zeit für mich. Der Ausstieg aus dem Tagestrubel war für mich das Beste, was ich tun konnte. Aber eine solche Reise ist sicher nicht für jedermann etwas Schönes. Viel Zeit mit sich zu verbringen,  sollte man nicht nur können, sondern auch genießen können.  Sonst wird aus der Zeit Langeweile und deshalb auf Reisen zu gehen halte ich für wenig sinnvoll, höchstens für ausgemachte Masochisten. Wenn der Weg das Ziel darstellt, passt es. Wenn nicht,  geht es wie einer Mitreisenden von Singapur bis Fos sur Mer, deren Ziel ein mehrwöchiger Aufenthalt in Neuseeland war. Als Rückweg hatte sie das Abenteuer Containerschiff gebucht. Wie gesagt als Weg. Irgendwann wurde dieser auf der langen Fahrt sehr steinig.

Nach dem Eintreffen auf der Mattenmühle kommen  ca. 17500km Zug, 6300km Mietauto und 33000km Schiff zusammen.  Die Fußmärsche, Wanderungen etc. habe ich nicht berechnet, aber da kommen sicher nochmal  drei  bis vierhundert km dazu.  Für einen erklärten Nichtwanderer eine geradezu gigantische Zahl, für die sonst mehrere Jahre notwendig wären. Die Zahl der gestiegenen und hinuntergegangenen Treppenstufen liegt bei ca. 20000, vornehmlich auf den Schiffen.

Fotos zum Bericht gibt es nur wenige, da dem Versand über das Internet des Schiffes mit dem Begriff LANGSAM geschmeichelt wäre. Es würde Stunden dauern mit vielen Unterbrechungen. Auf der Mattenmühle lade ich noch einige interessante  Fotos nach, damit die Reisefotos komplett sind.

Zusatz: seit 27.2.18 stehen wir vor Genua und warten auf die grüne Ampel. Der Hafen ist wegen dem Sauwetter geschlossen.
Öffnung ungewiss. Eine Woche mehr Urlaub auf dem Kreuzfahrschiff. : ))))))))))

Ein letztes Ahoy von der CENTAURUS und Tschau bis zur nächsten Reise
Wilfried

Wer sich dafür interessiert, wie die CENTAURUS zum Kran-Killer wurde, kann mit folgendem Link ein schönes Video anschauen. Es gab – einem Wunder gleich – keine Toten und Verletzte, nur einen kräftigen Millionenschaden. www.de.engadeget.com/…/port-dubai-monsterfrachter-plattet-nagelneue-containerbrucke

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