Bulletin Nr. 9 – die Outback-Agrarland-Tour – was man auch wissen sollte

2.1.18 Adelaide – Barosso-Valley – Kapunda
Nach einer durchgeschlafenen Nacht bereits um 7 Uhr raus. Ich wollte mir noch den Central-Markt von Adelaide anschauen und die Stadt noch am Werktag bei normalem Betrieb erleben. Beides nicht berauschend, da der Centralmarkt eine Ansammlung von verschiedenen Früchten, Fleisch, Käse, Fisch und sonstigem Essbaren bietet und gegenüber anderen Zentralmärkten großer, alter Städte einem nicht vom Hocker reißt, sofern man auf einem sitzt. Da fehlt was fürs Herz. Der Verkehr hält sich – auch Ferien bedingt – in Grenzen und fällt wegen der breiten Straßen kaum auf.

Bei einem Cappu in einem Straßencafé habe ich mich entschieden, von weiteren sogenannte Sehenswürdigkeiten in Adelaide Abstand zu nehmen mit folgenden Gedanken dazu:
Naturschönheiten – wann es zu viel werden kann
Es gibt unendlich viele Sehenswürdigkeiten, Naturwunder, Tierarten, Gebäude. Manche halten sogar die für Almosen gegebenen Vorführungen von Aborigines-Tänzen dafür. Ich habe da allergrößte Schwierigkeiten. Die habe ich allerdings auch bei Brauchtumstänzen vor Touristen in der Heimat.
Wichtig erscheint mir das Sehen und Begreifen von Details, die dann letztendlich übertragen werden können auf andere Dinge, die man von Bildern her kennt. Es ist nicht möglich und macht keinen Sinn, hinter jeden Baum, hinter jede Ecke, überall nach Neuem zu suchen. Das bringt vielleicht zusätzliche Fotos, auf jeden Fall bringt es negativen Stress. Das Verweilen und Sehen bringt Ruhe und Gelassenheit und Freude. Man atmet sprichwörtlich den Augenblick ein und hat am Ende mehr gesehen als der alles Erhaschende. So wie Landschaften erfahren werden müssen, so muss Naturschönheit ersehen und erfühlt werden. Mit einem Foto kann man sich später die vor Ort Gefühle teilweise zurückholen. Durchhuschen, Fotos machen und Abhaken, bringt kaum Gefühle, die hängen bleiben und sich mit dem Gesehenen verbinden. Das Foto ist und bleibt auch später reine Oberfläche, bleibt Bild und lebt nicht vor den Augen wieder auf. – Da ist es einfacher, im Internet alles anzusehen, zumal dort sowieso oftmals die besseren Fotos präsentiert werden.

Ich möchte hierzu einen gewagten Ausflug zum Menschenmachen: Ein passender Vergleich gibt auch das Thema Männer und Frauenauswahl her. Von beiden oder nach heutigem Sprachgebrauch von allen Geschlechtern gibt es auf der Welt unendlich viele schöne und begehrenswerte, zauberhafte Wesen und das auch noch für jeden Geschmack. Auch hier kommt man nicht auf den Gedanken, alle davon sehen zu wollen sondern wird von der Natur her bereits auf individuelle optische Signale programmiert. Würde auch ganz schön Zeit kosten und ziemlich viele Such-Spesen verursachen. Der Volksmund begegnet der oberflächlichen optischen Suche ohnehin mit dem Spruch: „Schönheit geht, Charakter bleibt“. Wie wahr, wenn man die 40% Scheidungsquote in Deutschland sieht. Übertragen auf die Reise: Schnellfotos gehen, Starke Bilder mit Gefühlen bleiben.

Nach dem Cappu und diesen tiefsinnigen Gedanken fuhr ich frei und fröhlich ins Barosso-Valley und der gute Leonhard (Cohen) durfte dazu ein paar Liedchen singen. Irgendwie kommt er von seiner Suzanna nicht los oder ich nicht und Bob bleibt wieder ewig bei seiner Sarah hängen.

Die Fahrt Richtung Barossa-Valley gleicht einer Fahrt durch einen etwas groß geratenen, aber sehr kultivierten Obst- und Getreidegarten. Das ganze Land ist schachbrettmäßig mit Längs- und Querstraßen durchzogen. Die Hauptstraßen asphaltiert, die Verbindungsstraßen mit Schotter. Die großen Flächen, welche die ersten Siedler zugeteilt bekamen, machten diese Art von Aufteilung sinnvoll, da alle Felder ringsum mit Wegen erschlossen waren. Irgendwann, fast unmerklich beginnt es grün zu werden und dann fährt man bereits an Hügeln vorbei, die mit Reben bepflanzt sind. Große Flächen werden immer größer und mittendrin immer wieder die Winzerhöfe, viele mit Weinausschank.

Als ersten Zielort habe ich mir Seppeltsfield ausgesucht, einem Ort, der seinen Namen dem 1849 aus Schlesien eingewanderten Josef Seppelt verdankt. Er war einer der ersten, der in Australien mit dem Weinbau anfing und eine ganze Weindynastie errichtete, die auch heute noch in Familienbesitz beste australische Tropfen in Flaschen verkauft. Die Verstorbenen ruhen alle in einem Mausoleum auf einem Hügel, von dem das Barossa-Tal überschaut werden kann. Wenn man die von Palmen gesäumten Straßen sieht, muss man davon ausgehen, dass der alte Herr Seppelt ein Fan von Palmen war. Bei dem Mausoleum ist dem alten Herrn wohl der zu viel getrunkene Wein zu Kopf gestiegen oder der Stolz über das Erreichte.
Die Auswahl des Ortes hängt auch damit zusammen, dass mein Vater zwar Josef hieß, aber zeitlebens Seppel genannt wurde und ihm verdanke ich auch meinen Zweinamen Josef. So kommen Erinnerungen hoch über das Leben meines Vaters, von dem ich wenig weiß, aber genug um zu begreifen, wie hart er gearbeitet hat um das Beste aus seinem Leben und uns zu machen. Ohne Handwerksausbildung und einer Brillenstärke von minus 20 oder mehr war er Zeit seines Lebens Hilfsarbeiter – heute Anlernfachkraft – und hat nie über sein Schicksal geklagt. Er hatte wenige Arbeitsstellen, was für seine Arbeitsqualität spricht und eine Ausdauer, die grenzenlos schien.
Zusammen mit meiner Mutter brachte er 6 Kinder durch eine arme Zeit, die durch den Bau eines eigenen Hauses noch ärmer wurde. Die Jahre bis 1960 waren die schwersten, aber auch die Folgejahre bis Mitte 1970 waren geprägt durch Sparsamkeit und Entbehrungen. Urlaub gab es nie! Am Ende konnten beide stolz auf ihre Leistung sein und wir als Kinder stolz auf unsere Eltern. Wir hatten materiell gesehen wenig, aber dafür genügend Anstand gelernt, dass es keinem von uns einfiel auf krumme Touren auf Kosten anderer Geld zu machen.

Nach dem Besuch in Seppeltsfield fuhr ich zufällig an einem Friedhof vorbei. Warum nicht einmal einen Blick auf die alten Grabsteine aus der Zeit vor und um 1900 werfen? Die Kindergräber mit 1,2 oder 3 Lebensjahren zeigen, wie groß auch bei den Auswanderern die Seelennot war und mit welchen Gebetstexten sie sich Trost schufen. Man erinnert sich an die frühere Kindersterblichkeit in Europa oder in Deutschland. In der Familie meines Großvaters starben zum Beispiel zwei seiner vor ihm geborenen Brüder, die alle Josef genannt wurden. Erst mein Großvater überlebte als Josef.
Kaum eine Familie blieb verschont.

Die Ankunft in Tanunda, einem weiteren Weinort hat diese etwas düsteren Gedanken dann schnell vertrieben. Das Ort ist ein Rummelort wie an den Badestränden. Ein gutes Marketing hat diesen Ort als Weinort schlechthin bekannt gemacht. Vom optischen hat er vor allem riesige Werbewände an den Häusern zu bieten. Hier riecht es nicht nur nach Nepp, sondern hier wird auch aktiv Bauernfängerei betrieben. – Nach 30 Minuten Straßencafé war mein geistiges Weinfass voll. Der mitten im Ort stehenden Kirche bleibt die Rolle der Aschenputtel in diesem Treiben, wobei es auch hier wie anderorts immer mehrere Kirchen gibt, entsprechend den Glaubensrichtungen der einstiegen Siedler, die aus ganz Europa hier landeten.

Auf der Fahrt nach Nuriootpa besuchte ich noch das Weingut Chateau Tanunda und probierte den weit über das Tal hinaus bekannten Wein. Die Bekanntheit hat einen simplen Grund: die Weine schmecken einfach gut. So gut, dass ich mir nach Mini-Proben drei verschiedenen Flaschen zulegte als Betthupferl für die Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes. Das Weingutgebäude gleicht einem herrschaftlichen Schloss mit einem sehr ansprechenden Verkaufsraum voller Fässer und großer Theke für die vielen Besucher. Manche von denen saufen sich hier voll, um später im Reisebus auf jeden Fall die Kotzbeutel zu benutzten, die im Reisepreis inbegriffen waren.

Voller Vorfreude auf den Abend und einem oder zwei Gläschen des verkosteten Weines brummte ich mit meine 4-Weel-Drive-Hyundai in den geplanten Nächtigungsort Nuriootpa. Der Name bedeutet Treffpunkt und ist dem Aborigines entnommen. Nach 15 km kerzengerade Strecken durch die Wein- und Weizenlandschaft landete ich an der Motel Adresse aus dem Internet.
Sah von außen nicht schlecht aus, also gefragt, gebucht und ins Appartement. Ein dunkles Loch wegen dem darüberstehenden Balkon und einem Baum vor dem Zimmer und vor allem muffig. Wahrscheinlich ist der letzte Gast hier gestorben und wurde vergessen. Nach dem letzten relativ dunklen Zimmer in Adelaide, war das der Oberhammer und solle auch das schlechteste Motel des ganzen Aufenthaltes bleiben. Hier einen Edelwein trinken??? Mit dem dunklen Loch im Kopf entschloss ich mich nach Kapunda zu fahren, einem Ort, an dem es angeblich ein Infozentrum über die Aborigines geben sollte. 20 km durch eine schöne Gegend sorgten wieder für gute Stimmung und vor allem für Klarheit: das Zimmer kommt nicht in Frage, eher im Auto schlafen.

In Kapunda erst im Google nach Zimmer geschaut. – Keine frei. Aber im Info-Center der Gemeinde waren viele frei – es lebe die direkte Kommunikation! – Der nette Herr rief im Tourist Park an und schon war ein Bungalow gebucht für 95 Dollar/65 Euro. Das Friedhofsappartement hätte 92 gekostet. Mit Hochgefühl 20km zurück gedonnert, Zimmer storniert und 45 Minuten später in den Bungalow eingezogen. Einfach, aber einfach traumhaft! Alles da, was man braucht und hell.
Im Nachhinein hätte ich dem jungen Schnösel-Eigentümer ein paar klare Worte sagen sollen über seine Bude und dass er sich um den Toten kümmern soll, der irgendwo da drinnen liegen muss.

Von 16 bis 18 Uhr habe ich mir dann die Sehenswürdigkeiten des Dorfes angeschaut. Na ja, viele sind es nicht. Wenn man aber wenig hat, werden auch kleine Dinge zu Großen. Ein paar Statuen von wichtigen Siedlern und das Gelände der frühen Bergbauminen. In Kapunda wurde der erste Bergbau unter Tage in Australien betrieben.
Der Supermarkt am Ort hat alles was man braucht. Er war nur nicht dort, wo mich Google hinschickte. Da war er vor 3 Jahren. Eine nette ältere Dame sprach mich an, wie ich suchend die Straße auf und ab ging und fragte nach meinem Ziel. Und siehe da, im direkten Gespräch erfuhr ich, dass ich ca. 300 weiter gehen müsse und schon wäre ich da.
Zwei Mal an einem Tag hatte ein direkter Kontakt von Mensch zu Mensch schneller zu Ziel geführt wie das Hacken und Wischen auf dem Magnifikat der Neuzeit. Die neue Technik dort nutzen, wo sie einem Arbeit abnimmt, JA, aber dort weglassen, wo der direkte Weg problemlos möglich ist.

Statt mich fragen zu lassen, hätte ich auch direkt einen Passanten fragen können. Die Gefahr des Gefressen Werdens dürfte sich auch heute in Grenzen halten. Man wäre höchstens darüber geschockt, dass es immer noch die Hilfsbereitschaft aus der Zeit gibt, als es nur in Kirchen Gebetsbücher gab mit Antworten auf umfassendere Fragen des Menschseins. Die Suche nach dem nächsten öffentlichen WC oder einer Bäckerei oder nach beiden, wenn der Besuch des Zweiteren das Erstere in hoher Dringlichkeit hervorgerufen hatte, wäre dort ohne abschließende Antwort geblieben. Das sich aus der Not eventuell ergebende Desaster in der Hose kann man deshalb trotzdem nicht der Kirche zuschreiben.

Ein Sonnenuntergang mit einem Himmel ohne Grenzen beschloss den Tag und hat wieder einmal bestätigt, dass planen notwendig ist um Zufälle zu erzielen. Ein dunkles Loch zu vermieten ist eine Sache, es zu nutzen eine andere. Dem Vermieter gehörte der Hosenboden versohlt für diese Frechheit.

3.1.18 Kapunda – Mildura
7 Uhr, Sonne, Wolken, 14° – ein frischer Anfang-Juli-Morgen zuhause. Auch die Nacht war kühl und der Schlaf entsprechend herrlich. Kein Gebrumme der Klimaanlage, kein Deckenventilator, der jederzeit herunterfallen kann und mir im günstigen Falle den notwendigen Frisörtermin abnehmen würde. Getoastetes Baguette, Käse, Schinken und Tomaten, nicht schlecht für den Start und als Grundlage für den ganzen Tag. Die Mittagsbanane ersetzt die Mittagsvöllerei.
Vor der Wegfahrt aus Kapunda besuche ich noch den Keller des Infocenters, indem die Siedlergeschichte dargestellt wird anhand von Urkunden, Fotos und alten Geräten. Auch Weinflaschen der Seppelts finden sich im Keller. Ein Zeichen für den Bekanntheitsgrad dieser Familie.

Von den Aborigines ist nichts zu sehen. Vermutlich haben keine hier gelebt oder nicht lange überlebt und wurden vergessen. Der Ort bemüht sich, aus der Bergbautradition Kapital für den Tourismus zu schlagen. In den vergangenen 10 Jahren stieg die Zahl der Einwohner kontinuierlich von 2300 auf 2600 Einwohner. 25 Einwohner werden als Ureinwohner geführt, wovon 6 noch die Sprache der Vorfahren sprechen. War also nichts mit Ureinwohnergeschichte.

Danach geht es los mit Tempo 100 bis 110 über endlos gerade Straßen, durch abgeerntete Getreidefelder, Buschland, Weideflächen und Mini-Ansiedlungen an der Straße. Die Weinfelder aus dem Barosso-Valley wirken jetzt wie Felder aus der Puppenstube. Es beginnen km lange Weinfelder, sobald man in die Nähe von Ortschaften kommt, die hier den Weinbau auf die Fahnen geschrieben haben. Sei es Blachetown oder Waikerie, da wird die Landschaft grün und die Bewässerungssysteme sichtbar. Riesentankanlagen am Ortseingang von Waikerie weisen auf eine industrielle Weinproduktion in ganz großem Stil hin.

Das Barosso-Valley scheint mit der Einzigartigkeit zu werben und damit dürfte diese Gegend auch langfristig Erfolg haben. Durch seine wunderbare Lage eignet es sich für eine Vermarktung ähnlich wie bei uns, allerdings nicht mit Genossenschaften. Hier ist jeder sein eigener Genosse.
Man frägt sich natürlich bei diesen riesigen Flächen an Reben, wer den Wein trinken soll, wenn Australien sich als Spaß bremse im Verbieten von Alkohol versteht bzw. nur über ein staatlich reglementiertes Verteilersystem, die Bürger an den Stoff ran lässt. Die nordischen Staaten Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark lassen grüßen, ohne wirklichen Erfolg im Kampf gegen den Alkoholismus vorweisen zu können. Einer Statistik nach essen 75% der Australier Weintrauben, evtl. ein Grund für die Flächen. Die Rebflächen belaufen sich insgesamt auf 160 000 Hektar, aus denen 14 Millionen Hektoliter Wein produziert werden. Der Weinkonsum pro Kopf beträgt in Australien 20,5 Liter, in Deutschland 20,6 Liter. Allerdings dürfte der Weinkonsum pro Weintrinkerkopf erheblich höher liegen. Hier beschönigt und verharmlost die Statistik den Alkoholkonsum.
Beherrscht wird der Markt von großen Konzernen, die Weinsorten aus unterschiedlichen Gegenden in zentralen Keltereien zusammenkommen lassen, wobei das Weingesetzt vorschreibt, dass mind. 85% der Trauben aus der Gegend stammen müssen, die auf dem Etikett vermerkt wird. – Nun ja, bei Konzernen weiß man ja inzwischen zwischen Gesetz und Handeln zu unterscheiden. Der Markt ist höchst innovativ und produziert im Moment 5% der Weltmenge an Wein. Tendenz steigend, wobei die Kosten der Bewässerung der Felder einen Teil des Klimavorteils wieder auffrisst.
Die Straße führt durch ein Gebiet, das durch den 2500km langen und größten Fluss Australiens durchzogen wird, den Murray-River. Neben dem Darling-River – den ich in Bourke kennengelernt hatte – ist er das Lebenselixier der trockenen Landschaften. Nicht umsonst nennt sich das Gebiet River Land mit Wassersport und Aquaparks inmitten einer weitaus trockenen Gegend. Gleichzeitig dient das Land als Kornkammer des Kontinents mit einem Klima, das mit milden Wintern und erträglichen Sommern dem europäischen Klima entspricht. Allerdings nehmen die Ausnahmen mit sehr trockenen Sommern zu.

Beim Durchfahren des Landes werden mir immer mehr die Arbeitsleistungen bewusst, die von Siedlern und ihren Nachfahren seit 1840 also in 175 Jahren oder innerhalb von 7 Generationen seit der Besiedlung vollbracht wurden. Allerdings auch mit gravierenden negativen Folgen, die bei der Urbarmachung des Kontinents noch nicht bekannt waren, aber inzwischen wissenschaftlich belegt sind. Australien ist weltweit der größte Verbraucher von Trinkwasser pro Kopf der Bevölkerung. Gleichzeitig ist Australien nach der Antarktis der trockenste Kontinent der Welt. Rund 75% des Wasserverbrauchs entsteht durch landwirtschaftliche Bewässerung. Davon gehen durch Verdunstung und Versickern rund 23% verloren. Ein Problem besonderer und nachhaltiger Art und ernsthafte Gefahr stellt die Bodenversalzung vor allem im Westen und Süden dar.
Die Gründe liegen in den ausgedehnten Abholzungen, die zu einem Anstieg des Grundwasserspiegels führen, was letztlich eine Akkumulation tausender Tonnen Salz in den oberen Bodenschichten nach sich zog. In den so entstandenen Wüsten kann keine Pflanze mehr gedeihen. Seit der Besiedelung Australiens durch den „Weißen Mann“ wurden zur Urbarmachung und Erschließung der Landschaften schätzungsweise 15 Milliarden Bäume gefällt. Die Wurzeln dieser Bäume kontrollierten jedoch maßgeblich den Grundwasserspiegel, indem sie Millionen Liter Wasser aufsaugten, welches dann schließlich verdunstete. Ohne diesen simplen Mechanismus steigt der Wasserspiegel bis zur Bodenoberfläche und die enthaltenen Salze scheiden sich bei der Verdunstung im Boden ab – die Böden versalzen. Experten vertreten die Ansicht, dass nur ein sofortiges umfassendes Pflanzungsprogramm Abhilfe schaffen kann. – Die Nachfahren müssen sich also überlegen, wie sie mit den Folgen der Urbarmachung der Vorfahren umgehen sollen, um nicht selbst zu versalzen.

Um 15 Uhr komme ich in Mildura an. Die Anfahrt zur eingegebenen Anschrift im Navi gestaltet sich problematisch, da mich die Frau auf einen Feldweg am Fluss entlang schickt, der sich immer mehr zwischen Bäumen hindurch schlängelt und Bodenlöcher aufweist, in die eine gemästete Sau passen würde. Viele Spuren gibt es nicht, aber es ist ein Weg und das Navi schweigt sich aus. Immer noch besser als der ständige Satz „wenn möglich, wenden“. Hier ginge nur noch rückwärtsfahren. Vermutlich musste die Dame aufs WC und hatte mich auf Autopilot gestellt. Nach 15 spannenden Minuten komme ich auf die Straße, auf die ich eigentlich wollte. Wahrscheinlich war der Feldweg kürzer oder diese Dame wollte einfach nur ärgern, weil ich sie seit der Abfahrt schon mehrere Male direkt beleidigt hatte wegen ihren verschiedenen Befehlen, auf Schotterpisten zu fahren um ein paar KM zu sparen.

Der geplante Übernachtungs-Bungalowpark ist voll besetzt und bei der Fahrt zu einem anderen komme ich im Best Western Motel vorbei. Ich buche und bin 15 Minuten später eingerichtet und weitere 15 Minuten später sitze ich am Murray River und trinke meinen Kaffee zu den Brösel Keksen von Felix. Pelikane schauen mir zu und ich Ihnen. Aber Brösel bekommen sie keine! Hätte ich deren Schnabel, wäre es auch leichter, die Bröselpackung in den Mund zu schütten. So landet die Hälfte der Brösel im Hemd und ein Teil davon wiederum in der U-Hose, wo sie sich als dauerhafte Störenfriede bemerkbar machen. – In der Öffentlichkeit kann man dieses hausgemachte Problem nicht lösen, sondern nur lernen damit solange zu leben bis ein großer Busch als Sichtschutz gefunden ist.

Nach 2 Stunden Murray-River-Erholungszeit geht’s zurück ins Motel und um 20,30 lasse ich mir ein Filetsteak aufs Zimmer bringen. Für das Restaurant wäre ich nicht fein genug angezogen gewesen. Ein Gaumenschmaus beschließt den Tag und zwei Gläser vom mitgebrachten Riesling aus dem Chateau Tanunda. Ich schaue in den Spiegel an der Wand und stelle fest, ich habe das gleiche Hemd an, wie schon die letzten Wochen. Eine Gelegenheit zu betonen, dass dieses Superhemd von Jack schon mehrmals gewaschen wurde. Der tägliche Hemdstehtest auf dem Tisch entscheidet über Waschen oder nicht waschen. Bleibt das Hemd stehen, geht es ihm an den Kragen mit der Schwabenmethode beim Fehlen einer Waschmaschine:
Ich lasse das Hemd während dem Duschen an, seife mich bzw. das Hemd mit dem Haarshampoo ein und spüle es später gründlich aus. Getrocknet wird über Nacht und am Morgen habe ich ein frisches Hemd mit jeweils Motel spezifischer Duftmarke. Ist alles schmutzig, geht es mit kompletten Klamotten unter die Dusche incl. Socken. – Die Waschmaschine macht auch nichts anderes.

Jedenfalls müssen die Kleider – es sind ja immer die gleichen – auch nach inzwischen 6 Wochen immer noch menschenverträglich sein, da sich bisher noch keine Menschenansammlungen auflösten, wenn ich an ihnen vorbeispazierte. Der letzte Beweis war unser Besuch bei den 8 Aposteln. Nicht eine der 3000 direkten Begegnungen, teilweise mit körperlicher Berührung, führte zur Massenpanik. Einzelne bleiche Gesichter bringen meine Theorie nicht zum Einsturz, weil es viele Gründe geben kann, bleich zu werden oder sich zu übergeben, z.B. eine gierige Weinverkostung.
Diese Abschweifung sei erlaubt, um evtl. entstandene Vermutungen ob des blauen Hemdes auf allen Bildern entschieden entgegentreten zu können.

4.1.18 Mildura – Sea Lake – Donald – St. Arnaud 300 km
Gestern hatte ich mir noch die Probleme Australiens im Wasserbereich durchgelesen. Heute Abend weiß´ ich, von was hier gesprochen wird. Für die Fahrt heute hatte ich mir nur Nebenstrecken ausgewählt, weil man auf diesen langsamer fahren und für ein Foto auch problemlos stoppen kann, ohne gleich mit einer Hupe Ohrenbekanntschaft zu machen.
Agrar- oder Agroland
Ich fuhr ab Mildura durch Landschaften, die mit der ursprünglichen wohl nichts mehr zu tun haben. Weinbau auf km-langen Streifen, Obstanbau, Zitrusfrüchte im ganz großen Stil. Das sind keine Farmer mehr, das sind Agrar-Giganten. Und überall werden neue Flächen bebaut, während alte Felder aufgrund einer mangelnden Wasserversorgung bzw. einer alten Technik aufgegeben werden. Dann stehen plötzlich zwischen leuchtend grünen Rebanlagen, dürre Rebstöcke in den Himmel wie Mahnmale. Entweder der Farmer hat sich übernommen oder die Neuanlage wurde noch nicht begonnen. Irritierend fallen die zwischendurch noch vorhandenen ursprünglichen Wälder auf, die vermutlich einmal die ganze Landschaft bedeckt hatten. Sie standen dem neuen Australien im Wege, aber vor allem den Agrarinvestoren, bei denen der Profit von heute zählt und nicht die Horrorszenarien einiger Wissenschaftler, die wahrscheinlich nur vom Neid getrieben werden.

Die Zahl von 15 Milliarden gerodeten Bäumen bekommt hier draußen ein Gesicht. Ich bin jedenfalls schockiert über diese Riesenflächen, die man im Laufe der Zeit zu Agrarland umgewandelt hat. In einem Land, das mit der zunehmenden Wasserproblematik der Versalzung des Grundwassers kämpft. Sichtbar an vielen Stellen, wo das Grundwasser soweit nach oben gekommen ist, dass es kleine und große Seen bildet, deren Oberfläche aus reinem Salz besteht. Ein Naturwunder der besonderen Art, bei dem es einem bei 35 Grad im Schatten friert. An diesen Flächen zu stehen hat viel mit dem Stehen auf einem Friedhof zu tun. Dort wird die Trauer immerhin von vielen schönen Blumen aufgehellt. An diesen Salzflächen ist alles, bis auf ein paar Kriechtiere und speziellen Salzgewächsen, tot. – Sea Lake, mein eigentliches Ziel, liegt am größten Salzsee des Bundesstaates Victoria.

Nach dem Besuch des Look Out-Points war für mich klar, dass ich hier weg muss. Mir schlug das Naturwunder auf die Seele, weil es hier nach Tod roch.. Vielleicht, weil ich mich auch über die Folgen solcher Naturwunder informiert hatte. – Natürlich sind diese großen Seen uralter Natur und wurden nicht von Menschenhand geschaffen. Das war die Natur selbst. – Aber alle wissenschaftlichen Untersuchungen sprechen bezüglich der Bodenversalzung eine eindeutige Sprache und diese Mahnungen haben sich beim Blick auf den Riesensee durchgesetzt.

Jeder frägt sich natürlich, wie bekommen solche riesigen landwirtschaftlich neu angelegten Gebiete das Wasser her? 70% des gesamten Wasserverbrauchs in Australien fließen in die Landwirtschaft, wobei es zwei Grundbewässerungssysteme gibt
a) Das Grundwasser wird mit großen Pumpen in künstlich angelegte Seen gepumpt und von dort über Leitungen etc. auf die Felder gebracht oder auf direktem Wege.
b) An den großen Flüssen z.B. Murray-River oder Darling-River entlang stehen große Pumpstationen, welche das Wasser dem Fluss entnehmen und auf die Felder bzw. in künstliche Seen pumpen. Der Eingriff in das Ökosystem des Flusses dürfte gewaltig sein und einem deutschen Beamten aus der Abteilung Flussökologie des Umweltamtes alle Haare ausfallen lassen. Mindestens. Dem Begriff Flussökologie hat man hier durch den Begriff Geldfluss-Ökonomie ersetzt.

Mit den Bildern von den Pumpstationen an einem träge dahinfließenden Fluss fahre ich – ziemlich desillusioniert über Australiens Umweltpolitik – zwischen Orangen und Olivenplantagen weiter. Dass es in anderen Ländern z.B. Spaniens Süden den gleichen skandalösen Umgang mit der Umwelt gibt, lässt die Sache in keinem besseren Licht erscheinen sondern senkt sie auf das gleiche tiefe Niveau von Verantwortungslosigkeit kommenden Generationen gegenüber. Ca. 40km vor Sea Lake werden die Agrarflächen wieder zum Outback für Vieh und Getreide, das bekanntermaßen mit weniger Wasser auskommt. Hier dürfte in normalen Sommern der in dieser Gegend fallende Regen ausreichen, eine ordentliche Ernte einzufahren.
Nach meiner Entscheidung, Sea Lake zu verlassen fuhr ich in die nächste Kleinstadt Donald, die ich ausschließlich wegen des Vertreters von b+t ausgewählt hatte. Der Ortschild gibt die Neujahrskarte für ihn.

Leider war aber in diesem gottverlassenen Ort kein Bett mehr frei, aber immerhin ein Tipp, dass in St. Arnaud, 35km weiter, sicher Betten frei seien. Also nochmal in die Karre und durch trockenes Land in diese ehemalige Goldgräberstadt gefahren. – Schöne Fassaden mit wenig Reklame. Hier hat bereits ein Bürgermeister oder ein historisch bewanderter Bürger dafür gesorgt, dass die historischen Gebäude die Hauptrolle spielen und nicht der Werbeschild.
Es war reiner Zufall, aber auf jeden Fall richtig, hierher zu fahren, zumal auch das Motel sauber und ordentlich war. Im Internet hatte ich mir die Anschrift besorgt und dann direkt gebucht. Das geht tatsächlich noch, weil die Besitzer der Motels noch des Sprechens mächtig sind und sich nicht mit wischenden Bewegungen mit einem unterhalten wollen. Der Preis lag bei Booking.com zuerst bei 133 Dollar. Vor Ort direkt kostete es nur 92 Dollar. – Beim nochmaligen Nachsehen bei Booking.com nach der Buchung lag der Preis bei Booking bei 115 Dollar und es war plötzlich nur noch ein Zimmer frei.

Der Hintergrund ist einfach. Die Software merkt sich die IP-Nr. des PC und versucht über verschiedene Maßnahmen den Kunden zum buchen zu bringen. Diese Firmen sind in meinen Augen Halsabschneider mit fast krimineller Energie. Sie lügen, täuschen und bauen Druck auf durch das Vorgaukeln von z.B. nur noch einem freien Zimmer. In meinem Fall waren 5 Zimmer frei und der Preis war noch nie bei 133 Dollar. Die Preissenkung ist reine Masche. Ich nutze die Portale nur noch wegen den Anschriften, so dermaßen kotzen sie mich an.

5.1.18 St. Arnaud – Ballarat – Bendigo
Das Motel war gut, super Bett, alles einwandfrei. Kann man empfehlen. Nach dem Auschecken gegenüber an der Tankstelle Sprit gefasst und dabei auf einen LKW-Fahrer getroffen, der mit einem MAN vor der Tankstelle stand. Ich fragte, ob ich ein paar Fragen stellen könne, was er bejahte und so erfuhr ich aus berufenem Munde Folgendes:
• Hatte früher einen eigenen LKW – Mack – aber die ständig wechselnden Frachtraten haben ihn zum Aufgeben gezwungen. Jetzt fährt er für einen Spedition
• Sein Chef schwört auf MAN und er sieht den MAN als besten LKW der europäischen Marken. Von Mercedes hält er nicht, weil zu weich. Die anderen Marken hat er noch nicht gefahren.
• Die Leistung seines Brummers mit 540 PS liegt hinter denen der amerikanischen mit 650 PS zurück. Was aber auf der Ebene keine große Rolle spielt. Den 100 PS trauert er ein bisschen nach. Die Kabine sei zwar etwas kleiner aber bequemer zu fahren.
• Sein LKW hat Automatik Getriebe, was er bei den Gewichten sehr gut findet
• Die Preise für die europäischen LKW seien nicht viel höher wie die amerikanischen, was ich noch nachprüfen muss.
Er erzählt noch von seiner Arbeit und davon, dass sich die europäischen LKW immer öfters auf den Straßen sehen lassen und junge Spediteure und Selbstfahrer verstärkt auf diese Marken setzen, auch wenn die amerikanischen Trucks einfach besser aussehen und besser zum Geschäft des Truckers passen. Ich mache noch ein Foto vom LKW mit ihm am Fenster, ein kurzer Gruß und er fährt los.

Nach diesem ungeplanten Spontankontakt geht´s nach Stuart Mill, einem Goldgräberdorf während des Goldrausches um 1870. Heute liegen auf dem Friedhof dort viele alte Grabsteine und erzählen wie überall in diesen Dörfern die Geschichten aus Familien der Siedler mit Unfällen, Kindersterben, Frauensterben bei der Geburt, aber auch von Menschen, die 90 Jahre alt wurden. Europa konnte man in den armen Zeiten den Rücken kehren, aber dem Schicksal nicht. Die waren hier wie zu Hause immer die gleichen und wurden durch noch so viel Glauben nicht besser.
Der Ort hatte 120 Einwohner, während der Goldgräberzeit wurden es 800 und heute sind es wieder um die 150. Und einige lebende Hunde. Allem Anschein nach dürften hier aber mehr Hunde begraben sein, wenn man sich hier umschaut bei 35°, trockene Luft und dürrem Gras.

Von Stuart Mill ab geht es Richtung Zivilisation, d.h. die Straßen werden breiter, der Verkehr wird zunehmen, die Musik meiner Begleiter wird nicht mehr 100% passen bzw. es müssen andere Musiker her, die sich auf dem Stick des Kapitäns anbieten Nach Stuart Mill sitzt ein weißer Kakadu am Straßenrand und wie ich vorbeifahre fliegen einige der Vögel vor mir her um sich dann in die Bäume zu setzen. Das war wohl der Abschied aus dem Outback, denn in den Blue Mountains wurde ich von Kakadus am Wasserfall begrüßt und das war seinerzeit der Beginn der ersten Reise ins Outback. Ein Kreis schließt sich.

Auf der weiteren Fahrt sehe ich viele Windräder auf Hügeln stehen und an einem Info-Stand an der Straße bekomme ich heraus, dass es sich um die größte Wind Farm in Australien handelt. Die Daten gebe ich in das Handy ein und siehe da, es gibt einen Standort, wo man Infos bekommen kann und da fahre ich hin. Es sind 10 Minuten Fahrt. Soviel Zeit muss sein. Hier muss ich ganz klar eingestehen, dass die Frau Google mich bestens leitet zur Station. Ich werde nach Klingeln eingelassen und trete in den Arbeits- und Info Raum in einem. Der Leiter der Technik empfängt mich und erklärt mir nach einer kurzen Vorstellung, warum ich hier bin, den Windpark, seine Entstehung und die derzeitige Situation. 2008 in Betrieb genommen drehen hier 128 Wind-Turbinen mit jeweils 1500 kwh am Rad der Energiewende. Mit 192 Megawatt werden 143000 Menschen mit Strom versorgt.
Die Zusammenarbeit der weltweit tätigen Firma im Recource-Bereich acciona mit Firmen aus anderen Ländern wird am Beispiel der Windräder deutlich. Während die Ständer in Australien produziert werden, kommen die Turbinen aus Pamplona in Spanien und die Rotorblätter aus Brasilien und den USA. Weltweiter Logistik für den Strombedarf einer Region mit 15oooo Menschen. Der Gedanke an 1.5 Mio. Menschen und den damit zusammen hängenden Logistikbedarf liegt nahe und kann ganz einfach beantwortete werden: Mit Wind ist die Energiefrage nicht zu beantworten sondern nur tendenziell einfacher zu gestalten.
Der unmittelbare Vorteil der Wind Farm liegt in der Beteiligung der Farmer für die die Zurverfügung-stellung des Geländes für die Windmaschinen. Sie erhalten so ein zweites Einkommen, das ihr Überleben sichert. Mit ihren Agrarprodukten stehen sie im permanenten Wettstreit auf dem Weltmarkt und kleinere Farmer werden diesen nicht überleben. Nicht ohne Grund gibt es in Australien eine Stiftung, die in Not geratenen Farmer hilft. – Im Falle Wind Farm sind es keine Almosen, sondern erwirtschaftete finanzielle Mittel aus Landbesitz. Und da sind 14x14m verlorene Anbaufläche für das Fundament des Windrades besser zu verkraften, als global gesteuerte Preisspiele. Die Webseite der Wind-Company „acciona“ mit all ihren Projekten:
www.acciona.com.au
Was ich gehört und gelesen habe, hört sich nicht danach an, dass es sich hier um eine windige Angelegenheit handelt. Ein Besuch der Webseite lohnt sich, weil es sich hier um einen weltweit führenden alternativen Energieerzeuger handelt. Noch interessanter sind Führungen, die auf Anmeldung kostenlos angeboten werden. – Aber nur wegen den Windfarmen nach Australien reisen halte ich für keine gute Energie-Idee. Meine Reise ist ja bereits grenzwertig, wenn ich mir meine km-Bilanz ansehe, die am Ende um die 58000 km betragen wird.
Allerdings kommt den km zugute, dass kein einziger geflogen wurde. Die Ökobilanz insgesamt im Vergleich zur Flugreise könnte zu meinen Gunsten ausfallen, falls sich jemand findet, der Zeit und Muße hat, das zu rechnen. Zu den 600m Fußmarsch der Reise kommen noch viele, viele km Fußmärsche dazu, mit denen ich sogenannte Walks durch Wälder, Büsche, Steine, Buschland und Städte unternommen habe, um diesen Bericht überhaupt schreiben zu können. Dank an den Bühler Schuhladen, der mir hervorragende Schuhe verkauft hat.

Nach dem nicht geplanten Ausflug auf die Wind Farm lande ich in Ballerat, einer ehemaligen Goldgräberstadt mit entsprechenden Gebäuden. Klotzen nicht kleckern war auch schon zu Zeiten des Goldrausches in Australien von 1860 bis 1870 die Devise. Heute wird versucht, aus der Geschichte mit Shops, guter Wohngegend im weiteren Speckmantel von Melbourne Kapital zu schlagen, wobei auch noch 1970 technisch avisierte Goldgräber mittels Metallsonden Nuggets an den Tag brachten.
Ein zweites Mekka für den verblichenen Goldrausch bildet ein nachgebautes Goldgräberdorf Als Freizeitpark, ähnlich wie Rust, nur kleiner. Ich besuche zumindest das Empfangsgebäude, obwohl die Parkplätze bereits überfüllt waren und mein Parkplatz auf dem letzten Ersatzparkplatz auf der dürren Wiese gelegen war. – Der Eintritt in die Empfangshalle stellt sich für den Normalbesucher als höchst interessant dar, weil er von historisch gekleideten Herren und hübschen Trachtenmädels berußt wird. Danach kommt die Kasse und der elektronisch gesteuerte Eintritt mit grünen und roten Ampeln. Für mich, als Hotspot-Geschädigten das sofortige Aus zum Weitergehen. Obwohl es mir hätte klar sein müssen, verlasse ich fast panisch den Raum aus Angst, einer der Herren könnte mich verfolgen und mich zwingen im Freizeitpark den Goldwäschern zuzuschauen oder den Henkern, wenn sie einen habgierigen, glücklosen Goldgräber hängen.

Ich flüchte geradezu in das daneben gebaute Gold-Museum und treffe den Frieden in einer goldenen Umgebung, in der ich zumindest ansatzweise Menschenansammlungen vermutet hatte. Nichts von dem war da. Ich konnte in Ruhe die Fotos und die dargestellten Originalwerkzeuge betrachten, Filme anschauen und nachgebildete Nuggets bewundern. Hier in Ballerat war echt was los in den Jahren 1860 bis 1890. Hier wurde die Technik des Goldsuchens industrialisiert, indem man Maschinen für das Waschen des Gesteines einsetzte, das von den unter Tage arbeitenden Menschen unter menschenverachtenden Bedingungen aus den Felsen gemeißelt wurde. Der Begriff Elend greift hier zu kurz. Es war eigentlich Sklaverei für alle, die keinen eigenen Claim erhielten oder aber glücklos irgendwie satt werden wollten. Die Plakate der Goldminengesellschaften sprechen hier eine klare Sprache. Ausbeutung pur! Ohne Rücksicht auf Gesundheit und Menschenrechte, mit denen man es sowieso nicht so genau nahm. Die eigentlichen Besitzer des gesamten Gebietes werden zwar im Eingangsbericht erwähnt und als Naturvolk dargestellt. Im weiteren Verlauf des Museumsdurchgangs verliert sich aber ihre Spur. Aufarbeitung sieht anders aus.

Ich entschließe mich kurzfristig, diese Stadt zu verlassen und in die nächste Goldgräberstadt umzusiedeln, deren Namen BENDIGO auf der Landkarte vermerkt ist. Lt. Reiseführer des ADAC stehen hier ebenso Prunkbauten. Hier kann man mit einer historischen Tram an den Prunkstücken der Vergangenheit der Stadt vorbeifahren und sich ein eigenes Bild über die vergangene Zeit machen nach dem Motto: Früher war zwar alles älter, aber nicht unbedingt besser. Die letzte Goldmine machte hier 1954 ihre Tore zu. Wer Lust hat, kann sich in Führungen durch einige alte Stollen quälen, in denen vor 150 Jahren viele Chinesen auf der Flucht vor den Kriegen in ihrer Heimat versuchten, sich ein normales Leben aufzubauen. Elend und Leid inbegriffen. Der Film im Museum zu diesem Thema ist sehenswert. Den Film über den Umgang mit den Ureinwohnern habe ich nicht gesehen. Möglicherweise war ich zum falschen Zeitpunkt im Museumskino.

Wenn man so dahinfährt, gehen einem alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Mal sind es persönliche Geschichten und Fragen, dann wieder allgemeine und grundsätzliche Fragen oder aber rein philosophische Gedanken, die dann schnell dem Erdachsenölen gleichkommen. Von einer allzu tiefsinnigen Auseinandersetzung sollte man Abstand zu nehmen, da keiner der führenden Ölkonzerne bisher ein Öl erfunden hat, mit dem man die Erdachse dauerhaft schmieren kann, damit sie immer rund- und nie festläuft. Eine der Fragen, die mir dabei durch den Kopf ging war folgende:
Pragmatische Betrachtung der Aborigines Geschichte
Die Besetzung Australiens durch die Landung von James Cook und die Ausbreitung und Landbesitznahme durch die Siedler könnte man vereinfach vergleichen mit der Besetzung von Deutschland durch die Römer etwas 50 Jahre v.Chr. und 500 Jahre nach Chr. Das bereits höher zivilisierte Rom marschiert ein in einem Land, in dem die Germanen mit ihren Stämmen und Religionen, verteilt auf das ganze Land und uneins unter sich leben. Mit jeweils eigenen Gesetzen, Ritualen und Religionen. Ähnlich der Vielzahl an Stämmen der Aborigines in ihren jeweils eigenen Gebieten, ihren Religionen und Fehden untereinander.
Der Einmarsch der Römer hatte langfristig keinen Erfolg, da sich die Germanen im Laufe der Jahrhunderte immer mehr als ein Volk verstanden, das mit unterschiedlichen Führern den Römern das Leben schwer machte, wobei der Süden und Westen Deutschlands unter den Römern durchaus in ein anderes Zeitalter katapultiert wurde.
Um 500 n. Chr. hatten die Römer die Besetzung Germaniens weitgehend aufgegeben. Der errichtete Schutzwall Limes versank in der Geschichte. Die Germanen hatten sich der römischen Kaiser verweigert und machten sich daran, eine eigene Geschichte zu schreiben.
Die Aborigines wurden im Gegensatz zu den Germanen verdrängt, getötet oder kamen durch eingeschleppte Krankheiten der Strafgefangenen am Anfang, und später der Siedler zu Tode. Eine Gegenwehr der Ureinwohner als Volk konnte nicht stattfinden, da sich die Aborigines selbst nicht als Volk sahen. Eine Gegenwehr hätte auch wenig Erfolg gegenüber der Waffentechnik der Kolonialisten gehabt. Dies, obwohl die Kolonialmacht 20000 km entfernt residierte und nur mit langen Schiffsfahrten den Kontinent mit Material und Menschen erreichen konnte. Das Zusammentreffen einer auf Naturintegrität basierenden Kultur mit einer Kultur der Kolonialisierung und Christianisierung konnte keine Zusammenarbeit auf Augenhöhe hervorbringen. Die sich als Wissende gebende neuen Herrscher hatten es in ihren Augen mit Wilden zu tun, die es zu beseitigen, im besten Falle umzuerziehen galt. Die Gegenwehr war eher symbolischer Art und wurde im Keime erstickt.

Ab 1920 wurden bis 1970 ca. 50000 Kinder zwangsweise den Eltern weggenommen und in weiße Familien zur „richtigen Erziehung“ gegeben. Viele lebten in geschlossenen Interanten und in Missionen. Eine Kultur wurde nahezu ausgelöscht mit eisernem und christlichem Besen. Die Aborigines lebten bis zur Kolonialisierung im Einklang mit der Natur in einer eigenen Glaubenswelt. Sie waren deshalb keine Heilige, wie man manchmal bei Vorträgen heraushören könnte. Auch dieses Volk litt an allen menschlichen Schwächen und den dazugehörigen Folgen, d.h. ihr Leben bestand nicht nur aus Paradies sondern vor allem im Überlebenskampf bezüglich der Ernährung, der Gesundheit und dem Verteidigen der eigenen Jagdgründe. Tödliche Streitereien mit anderen Stämmen gehören wahrscheinlich ebenso zur Tagesordnung, wie die Kriege in Europa unter den Germanenstämmen oder Volksgruppen und später ganzer Staaten.

Zieht man den Zeithorizont der Germanen als Zukunftstheorie, dann haben die indigenen Stämme noch über 300 Jahre Zeit, sich ihr Land zurückzuholen. Oder es wird ihnen von der Natur zurückgegeben, die sich mit dem wenig nachhaltigen Umgang nicht einverstanden erklärt und mit Flächenbränden, Sandstürmen und Wassernot gegen die neue Art von Zivilisation wehrt. Australiens Umwelt heute ist von Menschen gemacht, von dahergelaufenen Menschen, wie meine Mutter sagen würde.

6.1.18 Bendigo – Ruhetag
Bereits am Abend hatte ich mir überlegt, ob es sinnvoll ist, bereits nach Melbourne zu fahren, da ich dort ohnehin bis einschließlich 10.1.18 Zeit haben werde. Die Abfahrt ist für den 11.1. geplant. Nachdem der Wetterbericht für Melbourne und Bendigo 40 Grad meldet ist die Sache entschieden. Lieber 40° in Bendigo im Motel mit Pool. Außerdem bin ich gerade in einer Stadt, die sich wegen der Goldminen ab 1865 zum Jahrhundertwechsel 1900 zur reichsten Stadt der Welt gemausert hatte. Heute sicher nicht mehr, aber immer noch eine stolze Braut. Das merkt man, wenn man die Werbeschriften anschaut und liest. Man war ETWAS und man ist ETWAS und diese Butter lässt man sich nicht vom Brot holen. Entsprechend hat sich hier eine Art- und Kulturszene entwickelt, die ergänzt wird mit Weinfarmevents und das ganze Drumherum.

Die Bevölkerung wuchs seit 2001 von 62000 bis 2016 auf 92000 an. Ein Zeichen, dass es sich hier gut leben lässt. Unter der Gesamtbevölkerung leben noch 1600 Ureinwohner bzw. deren Nachkommen. 11 davon sprechen noch die Ursprache. Umweltpoltisch dürfte Bendigo einer der Kommunen sein, die für sich entschieden hat, der zunehmenden Umweltzerstörung mit gezielten Probrammen entgegenzutreten, die auf der Internetseite der Kommune sehr praktisch beschrieben werden. Andere Kommunen werden folgen müssen. Die Frage bleibt, ob es 5 vor Zwölf oder 5 nach Zwölf ist. Jedenfalls eine Stadt, die kapiert hat, wo es lang gehen muss. www.bendigo.vic.gov.au/
Kompliment!!! Die 40° erinnern mich auch sehr stark an meine inzwischen 3-Monats-Haardichte und der Motel Besitzer gibt mir den Tipp, im Einkaufszentrum in ein bestimmtes Frisörgeschäft zu gehen.
Premiere: das erste Mal nach ca. 35 Jahren lasse ich mir die Haare von einer anderen Person schneiden. Bisher war es immer Gerlinde, die Frau meines ehemaligen Fernfahrerkollegen Michael, der mir das LKW-Fahren beigebracht hatte. Die Luft war um 10 Uhr schon bei 34°. Da vergehen einem die Bedenken unter dem Pelz und tatsächlich bekomme ich einen Termin mit 15 Minuten Wartezeit. Ich hole mir einen Cappu als Belohnung für meinen Mut und nach 15 Minuten sitze ich tatsächlich, aber ungewohnt in einem Frisörsalon und nicht im Privatbad vor einem Spiegel. Die Frisöse heißt immerhin Linda, was ja einem Teil der Gerlinde entspricht und dürfte die gleiche Kleidergröße tragen.

Um mich später noch im Spiegel zu erkennen, hole ich mein Handy aus der Tasche und zeige ihr das Bild vom Schnitt vor der Reise, das ich für diesen Moment extra hinterlegt hatte. Sie wirft einen Blick darauf, lacht und legt los. Aber wie!!! Affenzahn wäre die Beschreibung der Geschwindigkeit, bei der die Späne, äh die Haare durch die Luft fliegen, mitsamt dem elektrischen Handgerät und einer Schere, deren Flug über meinem Kopf ich genau beobachte. Und trotz dieser Akkordenthaarung unterhält sich die Profieuse mit mir über meine Herkunft, über meine Reise und wie ich Australien sehe. Und ich merke, dass mein Englisch tatsächlich immer besser und wortreicher wird. – Nach 10 Minuten ist der Spuck vorbei, kostet 25 Dollar, also 17 Euro. Das passt auf jeden Fall, denn Linda hat ziemlich exakt das Bild getroffen ohne mich zu verletzten.

Irgendwie erinnerte mich das Tempo an das Schafscheren auf dem Lorenzen Hof in den Jahren 1981 bis 1992. Dort kam jedes Jahr ein Nebenerwerbs Scherer und nahm den Tieren für 5 oder 6 DM das Fell ab. Danach war immer ein wahnsinniges Geblöke, weil die Jungen ihr Mütter nicht mehr kannten. Nicht wegen dem Aussehen, wie der Laie jetzt vermuten wird, es war der Kurzfellgeruch, der ein paar Tage den Kleinen und den Müttern das sich Finden schwer machte.

Und diese Erinnerung bringt mich zu der Annahme, dass die gute Frau sicher die Tochter eines ehemaligen Schaf Scherers sein muss. Früher ein sehr gefragter und ehrbarer Beruf. Heute wird automatisch geschert und Neuseeland hat die Führungsrolle übernommen. Aber die Siedlergeneration hat nach meiner Einschätzung bereits eine Genmutation in Bezug auf Haare schneiden hervorgebracht und damit die Fellschneidekunst in einen Beruf der Zukunft transferiert.
Aber wer weiß, wie lange es noch geht, bis es Haarschneideautomaten gibt, die nach einem vorgelegten Bild oder einer ausgewählten Frisur ihr Werk verrichten. Natürlich nur gegen Unterschrift, dass man technische Pannen akzeptiert, die von Schneidspuren in der Kopfhaut über Schlagaderverletzungen bis zu Ohrkürzungen gehen können. – Vermutlich werden in der Einführungsphase die ersten dieser Hair-Cut-Dressing-Pubs direkt neben Krankenhäusern oder chirurgischen Ambulanzen eingerichtet.

Nach diesem Ausflug in die Haarschneiderei schaue ich mir das wirklich liebevoll herausgeputzte Städtchen an, d.h. die schönsten Gebäude, den Rosalinden Park. Eigentlich mit Wasserarkaden und durchlaufendem kleinen Bach. Aber der beginnende Hochsommer von Januar bis Februar in Kombination mit einem trockenen Frühling von September bis November hat hier alles trocken gelegt. Die Umweltprojekte der Stadt dürften noch ein paar mal 10 Jahre brauchen bis sie greifen.
Bei inzwischen 38 Grad steige ich trotzdem die 120 Stufen auf den Aussichtsturm und werde mit einem herrlichen Blick auf die flachgebaute Stadt belohnt und daran erinnert, dass ich mich um Wasser kümmern muss. Zum Auto zurück, Flasche leer getrunken und dann mittels Navi zur Oldie Tram Station an der ehemaligen größten Goldmine geirrt mit zig Umwegen und Beleidigungen.

Das Glück des Tüchtigen : Es ist 13,55, um 14 Uhr fährt die letzte Tram. – Karte lösen, einsteigen und die Tram rumpelt sprichwörtlich los. Eine schöne Abwechslung, durch die best erhaltenen Straßen an den nach Reichtum riechenden Prunkbauten vorbeizufahren, um am Endpunkt noch das Tram-Museum anschauen zu können. Die Hitze hat was Gutes. Wir sind 4 Passagiere, wovon eine Engländerin von ihrem Freund mit Wassermassagen betreut werden muss. Da hat die Hitze ihre Spuren in Form eines roten Kopfes hinterlassen. Vermutlich sind die beiden zu lange in der Sonne und bei 38 Grad durch die Stadt gezogen.
Eine wirklich schöne Fahrt für alle, die noch ihre Originalzähen besitzen. Bei Gebiss Trägern würde ich empfehlen, dieses vorher ins Schälchen zu packen oder sich einen chinesischen Mundschutz anzulegen. An Tagen wie heute wäre dies ein großer Vorteil. Der Zugführer hüstelte schon eine ganze Weile, bis er uns erklärte, dass in der heißen Luft ein ganz feiner Staub zu spüren sei, der von den umliegenden weiten Feldern mit dem heutigen heißen Wind in die Stadt getragen wird. Jetzt war mir auch klar, warum ich immer wieder den Mund spülen musste, was mir komisch vorkam, weil ich das von mir nicht kenne.
Die große Goldmine der Stadt, die bis 1954 hier Gold aus bis zu 1400m Tiefe geholt hat, habe ich mir nicht mittels angebotenem Stollenabenteuer reingezogen. Die Führung geht durch restaurierte Stollen in ca. 14m Tiefe und ist für Kinder und Interessierte sicher ein Erlebnis. Da ich aber den Silberstollen in Seebach kenne, habe ich mir kein so gigantisches Erlebnis ausmalen können, das mich zur Teilnahme an den zweistündigen Führungen drängte.
Um 14,30 war ich wieder im Appartement, mit schönen 25° und kühlem Wasser. Dazu noch ein paar Poolgänge und die Begrüßung von b+t zum Ende meiner Australienreise. Da liegt tatsächlich der Kopf unserer Ente auf dem Poolrand und bittet mich, ihn in den Arm zu nehmen. Außerdem meine ich den Satz zu hören „Alter, es wird Zeit wieder zu arbeiten.“ Ich war platt. Nicht von der Hitze.

7.1.18 Bendigo – Melbourne
Zeit um Abschied zu nehmen vom Outback. Ich habe die Alternativ Route mit den B-Straßen gewählt, aber im Einzugsgebieten von Millionenstädten geht es nicht mehr um wenig Verkehr sondern nur noch um fließenden und ruhenden Verkehr. Es geht nur noch um das Ankommen in einer akzeptablen Zeit. Ich habe Zeit und bei mir geht es nur noch um das Ankommen in der Europcar Station, möglichst komplett ohne fehlende Autoteile oder Beulenpest.
Vor der Abfahrt habe ich mich noch mit Frau Eagle, Mitbesitzer des Motels über die Frage unterhalten, wo sie die größten Probleme in Australien sieht und siehe da, sie bestätigt was ich in meinen Berichten schon für mich gesehen habe. Die Umweltproblematik wegen den Problemen in der Landwirtschaft und den damit zusammenhängenden Folgen, wie Staubstürme, die auch schon in Bendigo für gelblich, rötliche Autos sorgten. Um eine der mildesten Folgen beispielhaft zu erwähnen. Dazu die Tourismusexplosion der letzten Jahre, die auf Kosten der Qualität gehen würde, d.h. billige Zimmeranbieter drücken die Preise mit nicht vergleichbarem Angebot. Der durchreisende Tourist ist dann vielleicht verärgert, aber er zieht weiter und es hat keine Folgen für den Vermieter, es sei denn alle Internetbewertungen fallen schlecht aus. Aber wenige werten.
Sie betont, dass die Stadt im Umweltmanagement viele Projekte angestoßen hat, z.B. ein Baumpflanzprogramm oder ein Wasserresourcen-Programm. Alles auf der Internetseite dargestellt, aber alle laufen erst kurze Zeit. Auch im Tourismus möchte man Nachhaltigkeit, was in dieser Stadt durchaus gelingen könnte. Schöne Parkanlagen, einige wenige Attraktionen, ein interessantes kulturelles Programm dürften diesem Ziel entsprechen. Allerdings fehlt der Stadt auch ein wirklicher Hot Spot. Die Goldmine ist zwar interessant, aber die Zahl der möglichen Touristen für Bergwerksführungen ist platzbedingt sehr begrenzt. Man könnte natürlich alle ehemaligen Goldminenstollen wieder begehbar machen, aber auch dann würden sich die 8 Apostel biegen vor Lachen und die Three Sisters in den Blue Mountains würden dort mit den Kakadus um die Wette kreischen. – Hunderttausende bekommt man nicht in die Stollen. Gut so.

Am Ende stellt Frau Eagle noch fest, dass mein Englisch sehr gut wäre, obwohl mir immer noch viele Worte und grammatikalische Feinheiten fehlen. Wahrscheinlich meinen sie meine Pronunciation, die uns auf der Handelslehranstalt von 1966 bis 1968 vom Englischlehrer Herr Grein, selig sei er, beigebracht wurde. Der sprach reines Hochenglisch und legte verdammt viel Wert auf die Betonung. In Australien muss ich ihm jetzt noch einen Dank gen Himmel schicken. Damals hat mir das ständige Gemeckere an meiner Aussprache gestunken.

Die Fahrt Richtung Melbourne war begleitet von viel Verkehr trotz der B-Strecke. Man weiß das zwar, aber wenn es dann soweit ist, überkommt einem doch noch mal eine kleine Sehnsucht nach den verkehrsfreien Routen. – Und an einer Tankstelle 40km vor Melbourne werde ich zurückversetzt in die Zeiten, als es noch Tankwarte gab. Ich halte und beim Austeigen steht der Tankstellenbesitzer vor mir und frägt, ob er den Wagen betanken darf. Ich bin platt und meine in bestem Oxfortenglisch, dass ich mich in eine frühere Zeit versetzt fühle. Er lacht und meint, für ihn gehört das Betanken zum Service. Wow! Dann erzählt er mir noch, dass eine Großeltern Deutsche sind und in Deutschland wohnen aber regelmäßig zu Besuch kommen. – Deutsch konnte er nicht oder hat es einfach nicht versucht aus Angst, er könne sich blamieren. Das kennt man ja von sich.

Melbourne begrüßt mich zuerst mit einem netten Willkommensschild und kurz danach mit einem Stau. Das Navi hat nicht die Schnellstraße in die Stadt gewählt sondern die kürzere Diagonale, quasi den Schotterweg in die Stadt. Ärgerlich, aber trotzdem ganz unterhaltsam, weil ich durch COBURG fahre, einem Stadtteil von Melbourne, offensichtlich von Franken gegründet. Und während ich durch die km-lange viktorianische Hauptstraße zuckle, mit zig Ampeln und der Straßenbahn vor mir, kommt mir der bt-Kunde Wehrfritz aus Rodach bei Coburg in den Kopf. Als wollten sich langsam alle melden und mir deutlich machen, dass ich mich endlich auf die Socken machen soll Richtung Deutschland.

Um 13 Uhr bin ich bei Europcar in der Tiefgarage und gebe das Auto unfall- und beulenfrei ab.
Der zuständige Abnehmer bestellte ein Taxi und mit einem Inder war ich dann in wenigen Minuten beim Hotel und habe mir 30 Minuten Fußmarsch mit Gepäck erspart. Die 8 Euro für das Taxi hätte ich hinterher in der Wäscherei bezahlt für das durchnässte Hemd oder ich hätte wieder mit den Kleidern duschen müssen. Beim morgentlichen Hemd-Stehtest war das Hemd nach wenigen Sekunden in sich zusammen gebrochen, also noch einigermaßen frisch.
Der Hotelname „Pensione Hotel“ scheint nichts mit deutschen Pensionsbeamten zu tun haben. Es laufen hier bunt gemischt alle Alters-, Geschlechts- und Nationalfarben rum. Das Zimmer ist tatsächlich ein Einzelzimmer und relativ klein, aber sauber mit Fenster in den Hinterhof wie in China. – Rote Backsteine als Gegenüber sind immer noch besser wie der Bahnhof, der auf der anderen Straßenseite liegt. Die Zimmer dort haben Straßenblick mit Trainblues und Weichenschlagzeug, die sogar noch bei mir ganz leise zu hören sind. 65 Euro die Nacht mitten in Melbourne, da kann man nicht murren. Ich packe aus und verteile die benötigen Dinge für die nächsten 3 Tage. Dabei bemerke ich, wie sich in mir eine Ruhe breit machte und mit dieser inneren Gelassenheit gehe ich erst einmal spazieren am 3-Minuten entfernt fließenden Fluss Yara entlang. Ich sitze dort sicher eine Stunde auf einer Parkbank und habe dem Wasser zugeschaut ohne bewusst an etwas zu denken. Keine Überlegung, was ich noch machen wollte. Einfach nur NICHTS.
Es gäbe hier einiges zu sehen, aber was diese Dinge angeht, habe ich festgestellt, dass ich mehr fühle, begreife und tiefer erlebe. wenn ich mich um WENIGES intensiv kümmere. Der Gedanke aus Adelaide hat sich festgebissen. Gott sei Dank.
Ich freue mich auf diese Tage, weil sie ganz anders werden, wie die bisherigen. Irgendwie bin ich entspannter, weil das große Abenteuer Australien mit den vielen Fahrten etc. gut, gesund, unfallfrei und mit so vielen Eindrücken und Erlebnissen für mich erfolgreich verlaufen ist. Viel besser und intensiver, wie ich mir das vorgestellt habe.
Beim Weitergehen begrüßen mich die bekannten, breiten Promenaden mit vielen Sonntagsbesuchern, Cafés, Restaurant, Sightseeingschiffe etc. Der ganze bekannte Bummel-Rummel in den großen Städten mit der gleichen Kulisse wie dort auch. Die neuen, kathedralen Glaskästen spiegeln sich in den Sonnenbrillen der Fußgänger wieder. Ich bin endgültig zurück in der Million-Stadt-Zivilisation, die mit der Bereitstellung einer riesigen Freizeit- und Verkehrsinfrastruktur dafür Sorge tragen muss, dass den hier lebenden Menschen nicht die Decke ihrer Wohnung auf den Kopf fällt.
Das Leben spielt hier auf der Straße und das Angebot ist so breit gefächert, dass nahezu für alle Interessen und für jedes Alter etwas abfällt. Selbst die Bettler profitieren von den großzügigen Anlagen, da sich unter den vielen Brücken immer eine Nische für die Nacht findet in allerbester Lage, solange die Polizei nicht fündig wird.

Wer ohne Windeln unterwegs ist, hat in Australien kaum Probleme, weil das öffentliche Netz der WC-Anlagen offensichtlich von Menschen geplant wurde, die öfters müssen müssen. Den absoluten Tagesclou erlebe ich an der Ecke neben dem Hotel in einem Miniladen für Snacks, Getränke und Zigaretten für den großen Kundenkreis Backpacker. Da hole ich mir ein, nach einer Schneckennudel aussehendes Gebäck und beiße rein: ich stehe in Seebach beim Orlemann, so ähnlich schmecken die Dinger. Da werde ich wohl in den kommenden Tagen noch mehrmals sündigen.

Fazit einer Reise durch einen Teil der Wein und Agrarregion im Süden Austaliens

Als These würde ich formulieren:: Australien hat sich im ersten Zuge an den Ureinwohnern versündigt und im zweiten Zug an der Natur des Kontinents. Im ersteren Fall mag es die Zeit und die fehlende Bildung gewesen sein, ein Volk auszurotten oder dem eigenen Denken gleichzuschalten. Sowohl politisch als auch religiös. Im Falle der Naturzerstörung kann sich niemand mehr auf mangelndes Wissen berufen, es sei denn die Politiker Australiens nehmen für sich die Ausnahmereglung in Kauf, dumm zu sein.
Auf längere Sicht werden hier systematisch Wüsten erzeugt, deren Vorboten neben der Versalzung der oberen Erdschicht, gewaltige Staubstürme sind, die immer öfters auch die Vorstädte der Ballungszentren, aber auch die Großstädte selbst. Der Feinstaub auf dem ausgetrockneten Boden wird bei starkem Wind wie mit dem Staubsauger in die Luft gezogen und zieht als gelbe oder rote Wolke – je nach Region – über das Land.

Ich habe das in kleinem erlebt auf einer Landstraße, als plötzlich für ein paar Sekunden die Sicht auf November Nebelsichtweite fiel und beim späteren Türe öffnen der gelbe Feinstaub den leichten Fettschleier in meinen Haaren eliminierte. Der leichte Reizhusten danach, trotz geschlossener Fenster, war der Feinstaubbeweis. Die Brühe beim späteren Haare waschen hätte gut und gerne als Gelber Ceylon-Tee durchgehen können. Mit etwas Zucker wäre das als Original-Outback-Tea verkäuflich gewesen.
Bei großen Staub/Sandstürmen werden bis zu 3 Mio. Tonnen Staub/Sand durch die Gegend geweht. Am 23.9.2009 fegte ein solcher durch Sydney und Brisbane und legte den kompletten Verkehr lahm. Kleinere Stürme werden nicht gezählt, so wenig wie kleine Buschfeuer, weil das Alltagsgeschichten sind.
www.outofthedoor.de/2009-09-23/sandsturm-in-brisbane-und-sydney/
Mehr Informationen unter:
www.australien-info.de/daten-vegetation.html
Man kann Australien sehen wie man will, aber an diesen existenziellen Themen kann man nur vorbeisehen, wenn man in Ruhe seinen Urlaub machen möchte und einem der Rest des Landes egal ist. Das gute Recht jedes Urlaubers. Aber hinterher zu verkünden, man sei in Australien gewesen, stimmt dann nur bezüglich der Länderangabe. Man war in Touri-Australia und hat vom Land außer Sonne, Meer und Sehenswürdigkeiten so gut wie nichts mitbekommen.
Ach ja, dann gibt es ja noch sehr viele Nationalparks, die nach meinem Empfinden zwar hoch gelobt werden müssen, aber nur als Reservate. Dem Tourismus kommt das zugute, weil dem Besucher eine heile Welt vorgegaukelt werden kann. Dass in denTop-Regionen
· Unimogbusse durch Naturparks donnern
· und an Naturstränden Rennen gefahren werden
· oder Schnellboote zahlende Kunden zum Great Barriere Riff bringen, um dort am Strand einen Lunch einzunehmen
zeigt, wohin die Reise längst gegangen ist. Der Rubel rollt an der Klippe entlang.

Der Tourismusstrom hat sich in den vergangenen Jahren von knapp 5 Mio. in 2000 auf 7,5 Mio. in 2015 gesteigert. Die Deviseneinnahmen betragen ca. 35 Milliarden AUS-Dollar/25 Milliarden Euro und ca. 500.000 Menschen arbeiten in der Branche. – Bei diesen Zahlen wird klar. Tourismus ist ein enormer Wirtschaftsfaktor, der überall gefördert und weltweit beworben wird. Auf der anderen Seite werden Umweltprojekte präsentiert, deren Wirkung durch die Gegenläufigkeit der Tourismus- und Agrarentwicklung, wenn nicht ganz, dann auf jeden Fall teilweise verpuffen.
Detaillierte amtliche Zahlen zu Australien gibt es im Internet auf der folgenden Seite:
wko.at/statistik/laenderprofile/lp-australien.pdf

8.-10.1.18 – Melbourne – Landluft tanken
11.1.18 – Einchecken auf dem Containerschiff CHOPIN (280m lang, 40m breit)

Das Bulletin Nr. 10 gibt es dann vom Containerschiff CHOPIN zwischen dem 15. und 25.1.18.
Das Bulletin Nr. 11 gibt es vom Containerschiff CENTAURUS (das größte auf meiner Reise) zwischen dem 10. und 20.2.18

Bis dahin weiterhin einen schönen Winter.

Wilfried

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